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Förderung unternehmenshistorischer Forschung

Die Gesellschaft für Unternehmensgeschichte e.V. (GUG) ist eine international anerkannte wissenschaftliche Einrichtung zur Förderung der unternehmenshistorischen Forschung. Sie ist im Council der European Business History Association (EBHA) vertreten und Mitglied der International Economic History Association (IEHA).


Nachruf Prof. Christopher Kobrak
(21. Januar 1950 – 8. Januar 2017)


Anfang dieser Woche verstarb für uns alle völlig überraschend Prof. Christopher Kobrak. Zuletzt hatte er den Wilson Currie Lehrstuhl für Kanadische Unternehmens- und Finanzgeschichte an der Rotman School of Management der Universität Toronto (Kanada) inne und war Finanzprofessor an der ESCP Europe in Paris. Christopher Kobrak war allerdings nicht von Hause aus Unternehmenshistoriker. Bevor er sich der historischen Wissenschaft widmete und bei Fritz Stern an der Columbia University of New York promovierte, war er Wirtschaftsprüfer (CPA) und jahrelang in internationalen Unternehmen tätig. Seine deutsch-jüdischen Wurzeln – sein Vater verließ Berlin im letztmöglichen Moment in den späten 1930er Jahren – spielten dabei eine wichtige Rolle, untersuchte er doch in einer seiner ersten großen Studien die Geschichte des Schering-Konzerns im Dritten Reich. 2002 erschien dann Buch „National Cultures and International Competition. The Experience of Schering AG, 1851-1950“. Kurze Zeit später folgte der wichtige Aufsatz “Big Business and the Third Reich," in: The Historiography of the Holocaust (2004). Geprägt war Chris Kobrak in dieser Zeit stark von den Diskussionen mit Gerald D. Feldman und Peter Hayes zum Nationalsozialismus.

Die Themengebiete seiner Dissertation hatten ihn auch mit der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte in Berührung gebracht, wo er sich nicht nur an der Arbeit des Arbeitskreises zur Untersuchung der Rolle der Unternehmen im Nationalsozialismus intensiv beteiligte. Am 6. April 2000 hielt er in Berlin den Hauptvertrag der GUG-Vortragsveranstaltung „Deutsche Unternehmer in der Welt. Von der Internationalisierung zur Globalisierung“. Da ihn seine Forschungen in den kommenden Jahren häufig nach Deutschland führten, war seit dieser Zeit regelmäßig Gast bei den GUG-Symposien und Arbeitskreisen. Der deutschen Unternehmensgeschichte blieb er auch mit seiner Studie zu Banking on Global Markets: Deutsche Bank and the United States 1870 to the Present (2007) eng verbunden.

Neben seinen Forschungsinteressen – seine weiteren Schwerpunkte lagen bei den Auslandsinvestitionen, der Bank- und Versicherungsgeschichte, der Frage von Regulierung und Corporate Governance sowie die Problematik des politischen Risikos – war Chris Kobrak nachhaltig an der Methodik des Faches interessiert. Er diskutierte mit Leidenschaft und Hingabe Forschungsmethoden und -themen, wurde nicht müde, neue Fragestellungen in das Fach zu bringen, und konnte intensiv über die Möglichkeiten der Geschichtswissenschaft streiten. Ein gemeinsamer Aufsatz mit der Autorin über "Varieties of Business History" in Business History (2011) zeugt hiervon. Es war das Ergebnis eines Panels mit Gerald D. Feldman, Christopher Kobrak und Andrea H. Schneider. Mit Jeff Fear, Mira Wilkens und Jana Wustenhagen schrieb er weitere einschlägige Artikel. Daneben gab er eine Vielzahl von Büchern mit heraus – mit Per Hansen oder Gabriele Teichmann. Und auch neue Themengebiete faszinierten ihn, so untersuchte er zuletzt auch die Frage der Finanzierung von Familienunternehmen: "Finance and Family-Ness: An Historical Assessment," The Endurance of Family Business (2013).

Prof. Kobrak, der am 21. Januar 1950 in New York geboren wurde und dort auch aufwuchs, war durch seine Familie mit Wurzeln in Deutschland und Irland international geprägt. Sein Leben in der Wirtschaft und der Wissenschaft brachte ihn weit herum, unter anderem nach Japan. Wurzeln schlug er freilich aus wissenschaftlichen wie privaten Gründen in Paris, bevor er sich schließlich vor wenigen Jahren ein zweites Standbein in Kanada schuf. Chris Kobrak schätzte den Austausch mit Kollegen, er engagierte sich leidenschaftlich für die Vernetzung der internationalen Unternehmensgeschichtsschreibung und unterstützte so auch die Etablierung der Weltkonferenz für Unternehmensgeschichte.

Als er seinen Ruf nach Toronto annahm, motivierten ihn seine Erfahrungen mit der GUG dazu, in Kanada eine eigene Gesellschaft für Unternehmensgeschichte (Canadian Business History Association) nach dem Modell der GUG zu etablieren. Die tiefe Überzeugung, dass eine Kooperation von Wissenschaft und Unternehmern möglich, ja nicht nur möglich, sondern für die Unternehmensgeschichte geradezu beflügelnd ist, weil sie den Raum für gegenseitiges Verständnis, quellengestützte Forschung und die Erarbeitung professioneller Studien schafft, trieb ihn dabei an. Mit seiner offenen, inspirierenden und zur Kooperation herausfordernden Art gelang es ihm schnell, wichtige und interessante Mitstreiter für dieses Anliegen zu finden. Der Gründungsakt war insofern sein Feuerwerk und zugleich eine Hommage an ihn.

Er war in vielen Gesellschaften aktiv: neben der US-amerikanischen BHC, der er als Trustee diente, war er jahrelang als Wirtschaftsprüfer für die European Business History Association tätig, deren Council er bis zuletzt angehörte. Ihm war kein Amt zu viel und er nahm jedes Amt mit Ernst und Hingabe wahr. Programm-Komitees, Brainstorming-Pools, Funding, das Organisationskomitee der Weltkonferenz – allem, was das Fach nach vorne bringen könnte, widmete er seine Zeit. Und in jedem Gremium war er ein Gewinn.

Chris Kobrak hatte Persönlichkeit. Er war streitbar – und einnehmend. Er war intellektuell herausragend – und wunderbar unterhaltend. Aber vor allem war er verbindend. Seine lange Publikationsliste zeigt nicht nur, dass er sich verschiedenen Themengebieten fruchtbar näherte, sondern auch seine hohe Kooperationsfähigkeit. In Teams, aber auch mit vielen Ko-Autoren. Eine bereichernde Erfahrung für diejenigen, die mit ihm arbeiteten.

Mit Chris Kobrak verliert die Unternehmensgeschichte einen ihrer rührigsten Vertreter, der Nationen und Kontinente überbrückte, der zu tiefgehenden Diskursen anregte und der darüber nicht vergaß zu leben. Ein gutes Gespräch bei klassischer Musik und einem guten Glas Wein wurde mit Chris Kobrak immer lang und war doch immer zu kurz.

Chris Kobrak liebte aber auch die Zauberei. Mit seinem überraschenden Ableben hat er sich für uns von einer Sekunde zur nächsten weggezaubert. Am Ende vielleicht ein würdiger Abgang für einen, dessen wissenschaftliches Werk und dessen engagiertes Wirken bleiben werden. Auch wenn die, die ihn kannten und ihm nahe standen etwas ratlos zurückbleiben müssen. So wollen es die Magier!

Andrea Schneider-Braunberger

Die GUG


Institution zur Förderung des wissenschaftlichen Austauschs:
Die GUG stellt allen interessierten Wissenschaftlern ein Forum für den wissenschaftlichen Austausch bereit. Dazu organisiert sie beispielsweise Vortragsveranstaltungen, Symposien und Arbeitskreise.

Mittlerin zwischen Wissenschaft und Praxis:
Die unternehmensgeschichtliche Forschung ist ein Prozess der Gewinnung neuer Erkenntnisse, der von der Beteiligung und Unterstützung eines breiten Spektrums von Unternehmen und Wissenschaftlern lebt. Demgemäß versteht sich die GUG als Netzwerk zur Förderung des Dialogs zwischen Unternehmen und Wissenschaftlern. Über dieses Netzwerk können Unternehmen aktuelle Problemstellungen in die wissenschaftliche Diskussion einbringen.

Partnerin der Unternehmen:
Die GUG steht den Unternehmen in allen Fragen rund um die Darstellung ihrer Geschichte zur Seite. Sie bietet ihre Unterstützung beim Aufbau von Firmenarchiven in Zusammenarbeit mit der Vereinigung der deutschen Wirtschaftsarchive e.V. und bei der Dokumentation sowie Publikation von Unternehmensgeschichten an.


Neuerscheinung:


Sebastian Teupe, Die Schaffung eines Marktes. Preispolitik, Wettbewerb und Fernsehgerätehandel in der BRD und den USA 1945–1985, Berlin 2016



Haben die Märkte in Westdeutschland und den USA unterschiedlich funktioniert? Die Studie der Wirtschaftssoziologie untersucht diese Frage, indem sie sich gezielt auf den Markt für Fernsehgeräte konzentriert. Sie zeigt, dass soziale Kontexte das Marktverhalten von Herstellern, Händlern und Verbrauchern entschieden gestalten. Die Studie übersteigt somit das Modell der nationalen "Marktkulturen", um Veränderungen und Ähnlichkeiten zwischen den Verbrauchermärkten in den beiden Gesellschaften zu offenbaren.


Jörg Lesczenski, Thomas Mayer, Andrea H. Schneider (Hg.), Vom Bocholter Wattefritzen zum internationalen Automobilzulieferer, Essen 2016



Die Geschichte der Unternehmensgruppe Borgers ist außergewöhnlich. Anders als die meisten deutschen Unternehmen existiert Borgers seit weit mehr als 100 Jahren und wird seit der Betriebsgründung 1866 kontinuierlich von Angehörigen der Gründerfamilie geführt. In den zurückliegenden 150 Jahren musste sich das Bocholter Unternehmen immer wieder neu erfinden, um nicht im Strudel der wirtschaftlichen und politischen Krisen im 19. und 20. Jahrhundert unterzugehen. Die drei Autoren zeichnen nach, wie sich Borgers von einer kleinen Wattefabrik zu einem international aufgestellten Systemlieferanten in der Automobilbranche entwickelte. Die Studie beschreibt das vielfältige Zusammenspiel von Familie und Unternehmen und setzt sich detailliert mit den Generationen der Familie Borgers und ihren Streitigkeiten auseinander, die das Unternehmen bisweilen an den Abgrund führten.


Hartmut Berghoff, Cornelia Rauh, Thomas Welskopp (Hg.), Tatort Unternehmen. Zur Geschichte der Wirtschaftskriminalität im 20. und 21. Jahrhundert, Berlin 2016



Der Band untersucht anhand prominenter Beispiele die Verbindung von Wirtschaftskriminalität und Unternehmen. Die Autoren stellen bekannte Fälle von Wirtschaftskriminalität vor, ermitteln Motive der Täter und beleuchten die – meist weitreichenden negativen – Folgen für alle Beteiligten vom Täter über die betroffenen Unternehmen bis zur Politik.


Susanne Kill, Christopher Kopper, Jan-Henrik Peters (Hg.), Die Reichsbahn und der Strafvollzug in der DDR. Häftlingszwangsarbeit und Gefangenentransporte in der SED-Diktatur, Essen 2016



Der Strafvollzug an politischen Gefangenen in der DDR ist eines der bedrückendsten Kapitel in der Geschichte der SED-Diktatur. Nicht nur dass das Gefängnissystem der DDR als besonders rückständig galt, auch die Arbeit von Gefangenen war innerhalb der sozialistischen Planwirtschaft eine feste Größe in der DDR-Ökonomie. Viele der politischen Gefangenen erlebten die Haftzwangsarbeit als besonders demütigend. Auch die Staatsbahn der DDR, die Deutsche Reichsbahn, war in den Strafvollzug eingebunden. Zunächst einmal ganz offensichtlich, indem die Reichsbahn bis zum Ende der DDR Zellenwagen für den Häftlingstransport zur Verfügung stellte. Weniger bekannt aber ist, dass Gefangene bereits seit den 1950er Jahren für die Deutsche Reichsbahn arbeiteten. Die Deutsche Bahn AG hat deshalb eine Studie in Auftrag gegeben. Die Autoren des Buches gehen den Fragen nach: „Wann, wo und unter welchen Bedingungen wurde für die Deutsche Reichsbahn in der DDR Häftlingszwangsarbeit geleistet?“ Zeitzeugen schildern ihre individuellen Erfahrungen mit dem Strafvollzug.

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